Das Jahr der Islam-Debatten

Man kann es nicht anders sagen: 2010 war einfach das Jahr der Debatten über den Islam in Deutschland. Alles fing mit den Nachwehen des Schweizer Volksentscheids über ein Minarett-Bauverbot an. Damals wies der US-amerikanische Journalist Christopher Caldwell (Reflections on the Revolution in Europe) in einem Spiegel-Interview darauf hin, dass es eine offizielle und eine inoffizielle Islamdebatte gäbe, wenn man sich vergegenwärtige, wie unterschiedlich die Umfrageergebnisse zur letztlichen Abstimmung in der Schweiz ausfielen. Vor allem aber gab Caldwell einen Ausblick auf das, was ansteht, wenn wir beginnen, diese Debatten ernsthaft in Angriff zu nehmen:

Der Islam ist in Europa die zweitgrößte Religion. Aber das ist nur statistisch richtig. Wenn man die Lebendigkeit seiner Ideen betrachtet, ist der Islam in Europa die viel wichtigere Religion als das Christentum. Es gibt so viele Artikel in Zeitungen, so viele Debatten zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Koran zu Ehrenmorden oder zum Kopftuch sagt. Was das Christentum dazu sagt, scheint für niemanden von großer Wichtigkeit zu sein.

Und tatsächlich ging es schon in den ersten Tagen mit der von Wolfgang Benz ausgelösten Debatte über den Vergleich zwischen Islamfeindschaft und Antisemitismus bzw. über die zulässigen Formen von Islamkritik los. Selbst jetzt zieht diese Debatte noch Spuren nach sich, so etwa am 15. Dezember 2010 mit einem Artikel von Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau.

Freilich geschah zwischendurch einiges, was die Debatte am Laufen hielt. Durch ihren Selbstmord wurde das Buch Das Ende der Geduld der Berliner Jugenrichterin Kirsten Heisig innerhalb weniger Stunden zum Bestseller. Sie erwähnte den Islam zwar mit keinem Wort, es war aber durchweg klar, wen sie meinte, wenn sie von kriminellen Jugendlichen mit arabischen Hintergrund sprach.

Anfang August folgte dann schließlich der größte Sachbucherfolg der letzten Jahre und die deutlichste Debatte über den Islam in Deutschland überhaupt. Deutschland schafft sich ab, hieß provokant das Buch von Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator (SPD) und zum Veröffentlichungszeitpunkt noch Vorstand der Bundesbank. Die Sarrazin-Debatte, die mittlerweile sogar in eigenen Büchern festgehalten wird, zeigte, dass es in Deutschland brodelt, dass von der Politik viel zu lange nicht offen über die Probleme gesprochen wurde.

Und nun gaben sich die Politiker die verbalen Klinken in die Hand. Bundespräsident Christian Wulff sagte in seiner Rede anlässlich des 20. Jahrestags der Wiedervereinigung, „der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ 1 und erntete dafür mehr als Schelte. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte ihm umgehend zu, ließ aber wenige Tage danach verlauten, Multikulti sei gescheitert.

Auch der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) meldete sich nun in einem Focus-Interview zu Wort und sagte, er wir bräuchten keine weitere Einwanderung aus fremden Kulturkreisen, man sähe ja, dass Migranten aus der Türkei und arabischen Ländern sich hier schwer täten.

In diesen politischen Trubel erschienen in schneller Folge mehrere Studien: Zum einen bestätigten zwei vom Bundesfamilienministerium beauftragte Expertisen (hier und hier) die Ergebnisse des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) vom Mai 2010, wonach muslimische Jugendliche in Deutschland nicht nur gewalttätiger sind als die jugendlichen Anhänger Religionen, sondern auch noch mit zunehmender Religiosität gewalttätiger werden.

Zum anderen spiegelten gleich drei Studien, die angebliche Islamfeindlichkeit und Islamophobie der Deutschen: 1) die äußerst schlecht gemachte Studie über Rechtsextremismus der Friedrich Ebert Stiftung Die Mitte in der Krise, die mit zwei Fragen über Araber und Muslime versuchte, auf den medialen Zug aufzuspringen. 2) die 9. Folge der Deutschen Zustände, die eine signifikante Zunahme der Islamfeindlichkeit feststellten, insbesondere bei den Besserverdienern. 3) die wirklich gut gemachte und in ihrer Ausführlichkeit erstmalige Studie von Pollack et al. zur Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in Ost- und Westdeutschland mit einem Vergleich mit anderen europäischen Staaten.

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