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Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)

Stichworte: Islamverband, Lobbyismus, Islamismus, Islamische Charta, Religionsunterricht, Scharia, Schächten, Muslimbruderschaft, Verfassungsschutz

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Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) gilt als einer der einflussreichsten islamischen Dachverbände in Deutschland. Offiziell versteht sich der ZMD als Vertretung islamischer Interessen gegenüber deutschen Institutionen. Es bestehen jedoch Zweifel an der Grundgesetztreue des ZMD aufgrund mangelnder Distanz zur Scharia, seiner rein islamischen Sichtweise der Menschenrechte sowie seiner Verflechtung mit der Muslimbruderschaft.

Von Max Freytag · Stand: 8. Juli 2013


ZMD-Porträt

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD) ging 1994 aus dem seit 1988 aktiven Islamischen Arbeitskreis Deutschland hervor. Er gilt als einer der wichtigsten islamischen Dachverbände Deutschlands. Als Verband mit arabischem, deutschem und multi-ethnischem Hintergrund bildet er ein gewisses Gegengewicht zum türkisch geprägten Islamrat. Der ZMD vertritt derzeit 21 Organisationen mit insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Mitgliedern. 1 Das entspricht rund ein bis zwei Prozent der hier lebenden Muslime sowie ca. zehn Prozent der organisierten Muslime. 2 Laut der 2009 erschienenen, repräsentativen Studie Muslimisches Leben in Deutschland kannten 27 Prozent der befragten Muslime den ZMD, knapp zwölf Prozent fühlten sich vom Zentralrat ganz oder zumindest teilweise vertreten. 3

In der Selbstdarstellung des ZMD heißt es:

„Unsere wichtigste Aufgabe ist es, das muslimische Leben und die islamische Spiritualität in Deutschland zu fördern und den Muslimen die Ausübung ihrer Religion zu ermöglichen und zu erleichtern. […]

Dort, wo die Gemeinden als einzelne überfordert sind, übernehmen wir wesentliche Aufgaben […] Selbstverständlich sind wir auch Dialog- und Ansprechpartner für die Politik und die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen“. 4

In einer früheren Version dieses Dokumentes hatte es noch geheißen:

„Der Zentralrat will die Moscheegemeinden, islamischen Vereine, Verbände und Dachorganisationen weder ersetzen noch mit ihnen konkurrieren, er will vielmehr ihre gemeinsamen Interessen als Gesellschaftsgruppe vor den Behörden vertreten und die Rechte, die ihnen als Religionsgemeinschaft zustehen, in ihrem Namen verlangen.“ 5


Aktivitäten und Verbindungen

Der ZMD finanziert sich nach eigenen Angaben durch Mitgliedsbeiträge, Spendensammlungen in Moscheen und private Zuwendungen. Er will so auch seine Unabhängigkeit von anderen Akteuren bewahren. Durch den langjährigen Vorsitzenden Nedeem Elyas hat der ZMD Verbindungen zur Islamischen Weltliga, die von Saudi Arabien dominiert wird und einen wahhabitischen, orthodoxen Islam vertritt. 6 Der Zentralrat der Muslime ist darüber hinaus Gründungsmitglied des seit April 2007 bestehenden Koordinierungsrats der Muslime (KRM).

Bis zum Jahr 2010 nahm der ZMD an der Deutschen Islam Konferenz (DIK) teil, schied dann aber aus, vor allem weil die Funktionäre meinten, dass das Thema „Islamfeindlichkeit“ nicht genug behandelt würde. 7 Desweiteren ist der ZMD der Betreiber des Informations- und Nachrichtenportals www.islam.de, wo hauptsächlich grundlegende Informationen über den Islam und Dienstleistungen für Muslime (Gebetszeiten, Moscheeadressen etc.) veröffentlicht werden. Der Tag der offenen Moschee (TOM), den die islamischen Verbände jährlich am 3. Oktober in Deutschland veranstalten, geht ebenfalls auf eine Initiative des ZMD zurück. 8


Vertretene Positionen

Zumindest bei Teilen der Mitgliederstruktur des ZMD bestehen erhebliche Zweifel, was die Akzeptanz des Grundgesetzes anbelangt. So gilt beispielsweise die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) – wichtiges Mitglied im ZMD – laut Verfassungsschutz NRW als ideologisch radikalster deutscher Ableger der Muslimbruderschaft. 9 Zwar distanzierte sich die Generalsekretärin des Zentralrats, Nurhan Soykan, im Mai 2012 angesichts der Debatte um die Aktionen von Salafisten in Deutschland  von gewaltbereiten Muslimen. 10 Dennoch wird dem Zentralrat Opportunismus vorgeworfen: Nach außen hin stelle er sich dialogbereit dar, während er nach innen die Errichtung einer islamischen Gesellschaft in Deutschland zum Ziel habe. 11

Ebenso wie der Islamrat betreibt der ZMD Lobbyarbeit für eine Ausnahmegenehmigung zum Schächten in Deutschland und für die Erteilung eines islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen. Kritik an dem vom ZMD vorgeschlagenen Lehrplan für die Grundschule bezieht sich vor allem auf die dort geforderte Geschlechtertrennung und Sätze wie, dass sich „muslimische Mädchen anders kleiden als andere“, 12 womit eine Legitimierung von Kopftuch und Verschleierung erreicht werden soll.

Mit der Islamischen Charta 13 hat der ZMD im Jahr 2002 eine Grundsatzerklärung zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur deutschen Gesellschaft veröffentlicht. Allerdings erscheinen zahlreiche Punkte des Dokumentes fragwürdig:

  • Schon die Übersetzung von „Islam“ als „gleichzeitig Friede und Hingabe“ (Artikel 1 der Charta) ist irreführend: Das arabische Wort „Islam“ heißt wörtlich „Unterwerfung“ oder „Hingabe“, nicht jedoch Frieden. Was der ZMD mit „Frieden“ meint, nämlich eine vollständige Islamisierung, wird im nächsten Satz deutlich: „Der Islam sieht sich als Religion, in welcher der Mensch seinen Frieden mit sich und der Welt durch freiwillige Hingabe an Gott findet.“
  • Kritisiert wird auch die fehlende Gleichberechtigung von Männern und Frauen, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert ist. So spricht Artikel 6 der Charta lediglich davon, dass „[d]er Muslim und die Muslima […] die gleiche Lebensaufgabe“ haben, gleiche Rechte werden nicht erwähnt.
  • Eine klare Trennung von Staat und Religion ist der Islamischen Charta ebenfalls nicht zu entnehmen. So besagt Artikel 11 zwar: „Muslime bejahen die vom Grundgesetz garantierte gewaltenteilige, rechtsstaatliche und demokratische Grundordnung“ und Artikel 12 verneint das Ziel eines klerikalen Gottesstaates. Doch zugleich argumentiert der ZMD: „Daher ist der Islam Glaube, Ethik, soziale Ordnung und Lebensweise zugleich“ (Art. 8). Außerdem stellt er das islamische Recht – die Scharia – eindeutig über säkulares Recht: „Das islamische Recht verpflichtet Muslime in der Diaspora, sich grundsätzlich an die lokale Rechtsordnung zu halten.“ (Art. 10) Nach dieser Lesart wäre Gesetzesgehorsam also nicht notwendig, würde die Scharia dies nicht verlangen. An dieser Stelle verwundert zudem das Wort „grundsätzlich“, denn es weist zumindest auf die Möglichkeit von Ausnahmen hin. 14
  • Letztlich ist Artikel 13 der Charta zu kritisieren, der behauptet, es bestehe „kein Widerspruch zwischen der islamischen Lehre und dem Kernbestand der Menschenrechte“. Der ZMD bezieht sich zwar ausdrücklich auf die „westliche“, also die UN-Menschenrechtserklärung, allerdings nur auf deren „Kernbestand“. Diesen wiederum sieht der ZMD im „Schutz des Individuums vor dem Missbrauch staatlicher Gewalt“ bereits verwirklicht. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte geht jedoch viel weiter und sichert dem Individuum qua Geburt zahlreiche Rechte zu, u.a. die Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig von Geschlecht, Ethnie etc. Darüber hinaus distanziert sich der ZMD nicht von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam. Diese aber stellt alle Rechte unter den Vorbehalt, dass sie mit der Scharia konform sind, was die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie von Muslimen und Nicht-Muslimen („Ungläubigen“) ausschließt. Vor diesem Hintergrund wird auch die Bedeutung folgenden Satzes aus Artikel 13 der Islamischen Charta offensichtlich: „Das Islamische Recht gebietet, Gleiches gleich zu behandeln, und erlaubt, Ungleiches ungleich zu behandeln.“ 15


Mitgliedsorganisationen

Als Dachverband vertritt der ZMD verschiedene islamische Organisationen und einzelne Moscheevereine. Dabei kam es im Laufe der Jahre zu mehreren Austritten größerer Islamorganisationen, z.B. von VIKZ, AMGT und DITIB. 16 Aktuelle Mitgliedsorganisationen sind: 17

  1. Bundesverband für Islamische Tätigkeiten e.V., Aachen
  2. Deutsch – Islamischer Vereinsverband (DIV – Rhein-Main)
  3. Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. (DMLBonn)
  4. Deutsche Muslim-Liga e.V.
  5. Freier Verband der Muslime (FVM) e.V.
  6. Haqqani Trust e. V. / Osmanische Herberge, Kall
  7. Haus des Islam e.V. (HDI), Lützelbach
  8. Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V. (IASE)
  9. Islamische Gemeinde Saarland e. V. (IGS), Saarbrücken
  10. Islamische Gemeinschaft Braunschweig e.V. (IGB)
  11. Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD), München
  12. Islamische Gemeinschaft in Hamburg e.V. (IGH)
  13. Islamisches Bildungswerk e.V., Duisburg
  14. Islamisches Zentrum Aachen e.V. (IZA)
  15. Islamisches Zentrum Dresden e.V.
  16. Islamisches Zentrum Hamburg e.V. (IZH)
  17. Islamisches Zentrum München e.V. (IZM)
  18. Muslimische Studentenvereinigung in Deutschland e.V. (MSV), Köln
  19. Union der Islamisch Albanischen Zentren in Deutschland (UIAZD)
  20. Union der Türkisch-lslamischen Kulturvereine in Europa e.V. (ATIB), Köln
  21. Union des Musulmans Togolais en Allemagne e.V. (UMTA)


Lektüreempfehlungen

Notes:

  1. Dieter Oberndörfer (2005): Die unfreundliche Republik – Zuwanderung und Flüchtlingsschutz in Deutschland. In: Der Schlepper, Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V. Kiel, Nr. 31, Frühjahr 2005, S.6-9. Zentrale Geschäftsstelle Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ohne Jahr): Polizei und Moscheevereine. Ein Leitfaden zur Förderung der Zusammenarbeit, Stuttgart: Bundeszentrale für politische Bildung.
  2. Ina Wunn (2007): Muslimische Gruppierungen in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart: Kohlhammer, S. 217.
  3. Vgl. auch Mark Chalîl Bodenstein (2009): Muslimische Verbände: neue Zahlen, aber kein Ende der Diskussion, Webseite der DIK, online verfügbar unter: http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/Magazin/Gemeindeleben/BekanntheitOrg/bekanntheit-org-mld-node.html, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  4. Selbstdarstellung, Webseite des Zentralrats der Muslime in Deutschland, online verfügbar unter: http://zentralrat.de/2594.php, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  5. Zitiert nach: Zentralrat der Muslime in Deutschland, In: Wikipedia, online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Zentralrat_der_Muslime_in_Deutschland, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  6. Alev Inan (2007): Islam goes Internet. Websites islamischer Organisationen im World Wide Web. Marburg: Tectum Verlag.
  7. IntegrationspolitikZentralrat der Muslime steigt aus Islamkonferenz aus, Die Zeit, 12.05.2010, online verfügbar unter: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-05/islam-konferenz-absage, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  8. Der Tag der offenen Moschee wird vom KRM getragen, vgl. die entsprechende Webseite, online verfügbar unter: http://www.tagderoffenenmoschee.de/, zuletzt geprüft am 03.07.2013.
  9. Cornelia Filter (2002): Die KonvertitInnen … und wer dahinter steckt. In: Emma, Juli/August 2002, online verfügbar unter: http://dikigoros.150m.com/konvertitinnen.htm, zuletzt geprüft am 02.07.2013. Islamische Gemeinschaft in Deutschland, Webseite des Ministeriums für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, online verfügbar unter: http://www.mik.nrw.de/verfassungsschutz/islamismus/legalistische-organisationen/igd.html, zuletzt geprüft am 02.07.2013. Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (2008): Islamistische Organisationen in Nordrhein-Westfalen. Online verfügbar unter: http://www.mik.nrw.de/fileadmin/user_upload/Redakteure/Verfassungsschutz/Dokumente/Islamistische_Organisationen_Aufl6.pdf, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  10. Pro NRW: Ausschreitungen zwischen Polizei und Salafisten, Focus Online, 8. Mai 2012, online verfügbar unter: http://www.focus.de/politik/deutschland/pro-nrw-ausschreitungen-zwischen-polizei-und-salafisten_aid_748799.html, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  11. Bassam Tibi (2002): Selig sind die Belogenen. Der christlich-islamische Dialog beruht auf Täuschungen – und fördert westliches Wunschdenken. In: Die Zeit, 23/2002, online verfügbar unter: http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/selig_sind_die_belogenen.html, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  12. Zentralrat der Muslime in Deutschland (Hg.) (2001): Lehrplan für den islamischen Religionsunterricht (Grundschule). Vorgelegt vom Pädagogischen Fachausschuß des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Köln, S. 72.
  13. Islamische Charta. Grundsatzerklärung des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft. Webseite des ZMD, online verfügbar unter: http://zentralrat.de/3035.php, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  14. Stellungnahme des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland zu der vom Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. vorgelegten „Islamischen Charta“, Webseite der EKD, online verfügbar unter: http://www.ekd.de/EKD-Texte/islam_charta2003.html, zuletzt geprüft am 02.07.2013.
  15. Zur Diksussion der Islamischen Charta siehe auch die Dokumentation dieses Schlüsseltextes, online verfügbar unter: http://www.islamdebatte.de/schluesseltexte/islamische-charta/, zuletzt geprüft am 03.07.2013.
  16. Ina Wunn (2007): Muslimische Gruppierungen in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
  17. Mitglieder, Webseite des ZMD, online verfügbar unter: http://zentralrat.de/16660.php, zuletzt geprüft am 02.07.2013.