Anfang Januar 2010 löste der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz mit einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Antisemiten und Islamfeinde – Hetzer mit Parallelen“ eine Debatte aus, die sich wochenlang in den deutschsprachigen Feuilletons fortspann. Benz griff in dem Artikel seine bekannte 1 These auf, dass das Feindbild Islam dem Feindbild Jude gleiche. Diskussionen über das Kopftuch oder den Bau von Moscheen und Minaretten seien letztlich exemplarisch für die vor allem in Internetforen vorgetragene Menschenfeindlichkeit und „Kampfansage gegen Toleranz und Demokratie.“ 2 In der folgenden Debatte über das Islambild der Deutschen richteten sich die Vorwürfe vorwiegend gegen Foren und Webseiten wie Politically Incorrect (PI-News) und andere virtuelle Teilöffentlichkeiten.
Dass über den Islam gestritten wird, ist keineswegs neu. Normalerweise entzündet sich der Streit allerdings an Ereignissen wie der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh, der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten oder zuletzt dem Schweizer Volksentscheid über ein Bauverbot für Minarette. Dieses Mal diente lediglich ein Zeitungsartikel 3 als Aufhänger, außerdem fand die Debatte sofort auf einer Art Metaebene statt. Es wurde nicht erster Linie über den Islam diskutiert, sondern darüber, wie über den Islam gesprochen werden sollte. Eine Differenzierung zwischen Islamkritik, Islamfeindschaft und Islamophobie bzw. zwischen argumentierenden, populistischen und rassistischen Personen vermisste man dabei durchgängig. 4 Stattdessen wurde auf Phänomene des rechten Randes reduziert, indem Webseiten wie PI und ihre Betreiber sowie Kommentatoren als repräsentativ für die deutsche Islamkritik bezeichnet wurden.
Offensichtlich ist aber zunächst nur, dass es in Deutschland Teile der Bevölkerung gibt, die dem Islam bzw. den Muslimen kritisch bis feindlich gegenüberstehen. 5 Dieser Bevölkerungsanteil ist so groß, dass das Thema nicht nur in den überregionalen Feuilletons ausführliche Beachtung findet, sondern weite Teile der öffentlichen Diskussion erfasst hat.
Notes:
- siehe vor allem Benz, Wolfgang (Hg.) (2009): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz “Feindbild Muslim – Feindbild Jude”. Berlin: Metropol. ↩
- Benz, Wolfgang (2010): Antisemiten und Islamfeinde. Hetzer mit Parallelen. In: sueddeutsche.de, erschienen am 04.01.2010. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/politik/837/499119/text/, zuletzt geprüft am 04.02.2010. ↩
- Benz erhielt allerdings schon 2008 erhebliches publizistisches Echo, als er an dem von ihm geleiteten Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin eine Tagung zum Vergleich zwischen Islamfeindschaft und Antisemitismus abhielt (Benz 2009: 7). ↩
- Benz (2010) spricht von Islamkritikern und schreibt ihnen Hetzerei zu, Benz (2009) handelt hingegen von Islamfeindschaft, meint aber Islamkritik mit, mit gleicher Argumentation auch Sokolowsky (2009). Zur Kritik siehe Struening (2010). ↩
- vgl. Bielefeldt, Heiner (2009): Das Islambild in Deutschland. Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam. In: Schneiders, Thorsten Gerald (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 167–200, Leibold, Jürgen (2009): Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie. Fakten zum gegenwärtigen Verhältnis genereller und spezifischer Vorurteile. In: Schneiders, Thorsten Gerald (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 145–154, Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2003): Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit für spannungsreiche Anzeichen. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 2. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 100–119, Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2006): Islamophobie. Differenzierung tut not. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 4. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 135–155, Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2008): Islamophobie oder Kritik am Islam. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 6. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 95–115, Noelle, Elisabeth; Petersen, Thomas (2006): Eine fremde, bedrohliche Welt. Allensbach-Analyse. In: FAZ.net, erschienen am 17.05.2006. Online verfügbar unter http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E2D1CB6E9AA1045B291A1FC21272D467D~ATpl~Ecommon~Scontent.html, zuletzt geprüft am 16.03.2010. ↩
