In zunehmender Zahl versuchen Studien Islamophobie oder Islamfeindschaft in der (deutschen) Bevölkerung abzufragen. In den Sozialwissenschaften als herausragend gelten dabei bisher die Forschungen von Heitmeyer et al. zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF-Survey).
Doch welche sozialen oder psychologischen Faktoren müsste eigentlich vorliegen, damit man überhaupt von Islamophobie sprechen kann? Die folgende Definition ist ein Auszug aus einem Artikel zum Thema in der Citizen Times: 1
1. Was ist überhaupt Islamophobie?
Was ist überhaupt Islamophobie? Wie unterscheidet sie sich von Islamfeindschaft und insbesondere von sachlicher Islamkritik? Ein erstes Problem beim Begriff der Islamophobie ist seine emotionale Konnotation. Sowohl im Englischen als auch im Deutschen handelt es sich um einen Neologismus aus den Worten Islam und dem griechischen Phobie (φοβία), was wörtlich unbegründete Furcht bedeutet. 2 Die buchstäbliche Bedeutung müsste also in beiden Sprachen unbegründete Angst vor dem Islam sein. Tatsächlich bezeichnet die offizielle Definition von Phobie nach der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „[e]ine Gruppe von Störungen, bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird.“ 3
Der Begriff Islamophobie im Sinne einer unbegründeten Angst vor dem Islam sagt also aus, dass der Islam eigentlich keine Gefahr für die Menschen darstellt, die mit ihm wie auch immer in Berührung kommen. Dies ist aber eine sehr verallgemeinernde Aussage und stellt das Extrem einer ideologischen Auslegung dar. Über eine komplexe gesellschaftliche Funktionslogik wie Religion solche Behauptungen aufzustellen, ist schlichtweg unwissenschaftlich. Im deutschsprachigen Raum dürften die meisten Phobie direkt mit einer übersteigerten Angst, wie etwa der Spinnenphobie assoziieren. Im Deutschen ist also die umgangssprachliche Verwendung von Phobie sehr nahe an der medizinisch-psychologischen Definition, während im Englischen durchaus auch allgemeinere, soziale Ängste, Sorgen und Feindseligkeiten gemeint sind.
Die wissenschaftlichen Definitionsversuche von Islamophobie fokussieren auch auf das Moment der verallgemeinernden Ablehnung und fassen sie als eine Sonderform von Rassismus auf. Der Begriff Islamophobie wurde nach den meisten Darstellungen erstmals ausführlich definiert durch den englischen Runnymede Trust, der 1997 eine Studie unter dem Titel Islamophobia: A Challenge for Us All veröffentlichte. Darin wird Islamophobie aufgefasst als:
Sichtweise oder Weltbild unbegründeter Furcht und Ablehnung von Muslimen, die sich als Praktiken des Ausschlusses und der Diskriminierung auswirken. 4
Die Organisationen der Europäischen Union, insbesondere der Europarat und das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) 5 definieren Islamophobie sehr ähnlich:
Islamophobie kann als die Furcht vor oder ein voreingenommener Standpunkt gegenüber dem Islam, Muslimen und allem, was mit beiden zu tun hat definiert werden. […] Unabhängig davon, ob sie sich nun in Gestalt alltäglicher Formen von Rassismus und Diskriminierung oder in eher gewalttätigen Formen äußert, stellt die Islamophobie eine Verletzung der Menschenrechte und eine Gefahr für den sozialen Zusammenhalt dar. 6
Dem kann man schließlich noch die Definition der Sozialwissenschaftler Leibold und Kühnel hinzufügen, denn ihre wissenschaftlichen Messungen von Islamophobie in Deutschland im Rahmen des Forschungsprojektes zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) werden in der sozialwissenschaftlichen Literatur viel rezipiert, es kommt ihnen deswegen eine herausragende Stellung zu:
Es geht also nicht um die Kritik an islamistischen Aktivitäten, sondern um generelle ablehnende Einstellungen gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islams. Diese Einstellungen können sich in diskriminierenden Verhaltensweisen oder auch Gewalttaten ausdrücken. 7
Fasst man nun die wesentlichen Merkmale dieser Definitionen zusammen, so kann von Islamophobie nur gesprochen werden, wenn die drei folgenden Bedingungen zutreffen:
- Es handelt sich um Angst vor und/oder Ablehnung von dem Islam bzw. den Muslimen.
- Diese Angst bzw. Ablehnung ist unbegründet und/oder voreingenommen bzw. generell.
- Sie führt zu Diskriminierung und/oder Gewalttaten.
(Lesen Sie bei der Citizen Times weiter, wie Islamophobie im GMF-Survey abgefragt wird…)
Notes:
- Dieser Artikel ist wiederum ein Auszug aus dem Buch: Hartmut Krauss (Hg.): Feindbild Islamkritik. Wenn die Grenzen zur Verzerrung und Diffamierung überschritten werden. Osnabrück: Hintergrund Verlag 2010. ↩
- Im Griechischen bezeichnet φόβος Angst, während das der Islamophobie zugrundeliegende φοβία Phobie, also eine unbegründete und dauerhafte Angst vor etwas oder jemanden bedeutet. ↩
- Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2010): Phobische Störungen. ICD-10, F40 (Psychische und Verhaltensstörungen). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Köln. Online verfügbar unter http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl/fr-icd.htm?gf40.htm, zuletzt geprüft am 01.05.2010. ↩
- The Runnymede Trust (1997): Islamophobia. a challenge for us all. Summary, Online verfügbar unter http://www.runnymedetrust.org/uploads/publications/pdfs/islamophobia.pdf, abgerufen am 13.04.2010. ↩
- Mittlerweile wurde die Organisation umbenannt in European Union Agency for Fundamental Rights (FRA). ↩
- European Youth Centre Budapest (2004): Islamophobia and its consequences on Young People. Online verfügbar unter: http://www.eycb.coe.int/eycbwwwroot/HRE/eng/documents/Islamophobia%20report/Islamophobia%20final%20ENG.pdf, zuletzt geprüft am 13.04.2010, S. 6. ↩
- Leibold, Jürgen; Kühnel, Steffen (2003): Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit für spannungsreiche Anzeichen. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 101. ↩
