Islamophobie

Stichworte: Islamfeindschaft, Islamfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, Moslemfeindschaft, Antimuslimischer Rassismus, Anti-Islamismus, Islamkritik, Islamophilie

islamophobie

Seit einigen Jahren hat der Begriff der „Islamophobie“ im Diskurs über den Islam und die Integration von Muslimen vermehrt medial Beachtung gefunden. Er soll eine unbegründete Angst vor oder allgemeine Ablehnung des Islams bzw. der Muslime ausdrücken. Als Alternativen wurden in den letzten Jahren außerdem Begriffe wie Islamfeindschaft, Muslimfeindlichkeit, Antimuslimischer Rassismus oder Anti-Islamismus in die Diskussion gebracht. (Von Felix Strüning)

Begriffsbestimmung

Sowohl im Englischen als auch im Deutschen handelt es sich bei „Islamophobie“ um einen Neologismus aus den Worten Islam und dem griechischen Phobie (φοβία), was wörtlich unbegründete Furcht bedeutet. 1 Die buchstäbliche Bedeutung müsste also in beiden Sprachen eine „unbegründete Angst vor dem Islam“ sein. 2 Durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird der Krankheitsbegriff „Phobie“ definiert als „[e]ine Gruppe von Störungen, bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird.“ 3

Wissenschaftliche Definitionsversuche fassen „Islamophobie“ meist als eine Sonderform von Rassismus auf. Im Jahr 1997 sprach der britische Runnymede Trust erstmals von „Islamophobie“ als „Sichtweise oder Weltbild unbegründeter Furcht und Ablehnung von Muslimen, die sich als Praktiken des Ausschlusses und der Diskriminierung auswirken.“ 4 Vergleichbare Auffassungen finden sich mittlerweile auch bei den offiziellen Stellen der EU. 5

Fasst man die wesentlichen Merkmale der von verschiedenen Stellen erstellten Definitionen zusammen, so könnte von „Islamophobie“ nur dann gesprochen werden, wenn alle drei folgenden Bedingungen zutreffen:

  1. Es handelt sich um Angst vor dem Islam bzw. den Muslimen oder Ablehnung selbiger.
  2. Diese Angst bzw. Ablehnung ist unbegründet und/oder voreingenommen bzw. generell.
  3. Sie führt zu Diskriminierung und/oder Gewalttaten.

Forschungsstand

Innerhalb der Sozialwissenschaften beschäftigt sich die sogenannte Vorurteilsforschung mit dem Konzept der „Islamophobie“. Herausragende Bedeutung im deutschsprachigen Raum kommt dabei dem Forschungsprojekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF-Survey) zu, eine auf zehn Jahre angelegte Längsschnittanalyse unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer. Ähnliche Umfragen oder Studien mit einer eher internationalen Ausrichtung kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.

Die entscheidende Frage ist nun, ob die drei oben benannten Merkmale durch das GMF-Survey abgefragt und bestätigt werden. 6 Die Erkenntnisse des GMF-Survey lassen sich wie folgt thesenartig zusammenzufassen: 7

  • Der Großteil der Deutschen lehnt den Islam bzw. Muslime nicht generell ab.
  • Je älter, ideologisch rechter und ungebildeter eine Person ist, desto mehr lehnt sie den Islam ab. „Islamophobie“ ist aber nicht gleichzusetzen mit Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus. Alle drei Phänomene entwickeln sich unabhängig voneinander und die wahrgenommene Ausländerdichte im persönlichen Umfeld hat keinen Einfluss.
  • Nicht die Muslime als Gläubige, sondern der Islam als System wird abgelehnt. Kritik richtet sich vorwiegend gegen die ideologischen Dimensionen.
  • Ein Großteil der in Sachfragen gegenüber dem Islam kritischen Menschen hat keine oder kaum Vorurteile.
  • Nur ein geringer Anteil stimmt offen-islamfeindlichen Aussagen zu und noch weniger haben negative Verhaltensabsichten gegenüber Muslimen.
  • Die Deutschen erreichen ähnlich „islamophobe“ Werte wie die Befragten anderer europäischer Länder. Es handelt sich also nicht um ein genuin deutsches Phänomen.

Die erste Bedingung für „Islamophobie“, die Angst vor dem Islam bzw. oder Ablehnung von Muslimen wird durch die Umfragen also durchweg bestätigt.

Im Gegensatz dazu wird die zweite Bedingung, dass die Angst unbegründet oder die Ablehnung generell ist, nicht erfüllt. Die Befragten nennen zumeist explizite Gründe, warum sie den Islam ablehnen und beziehen sich dabei überwiegend auf die Ideologie, nicht aber auf Muslime als Gläubige. Sachliche Kritik am Islam äußern rund 80 Prozent der Deutschen nahezu gleich stark, unabhängig von anderen Haltungen. Von unbegründeter Angst kann also keineswegs gesprochen werden. Generelle Ablehnung findet sich nur bei einem sehr geringen Teil der Befragten.

Offen islamfeindliche Handlungen, wie ein vollständiges Verbot der Religionsausübung oder die Ausweisung von Muslimen finden nur sehr geringe Zustimmung. Die Wahl von Schulen ohne kopftuchtragende Lehrerinnen und Muslim-freie Wohnviertel kann zugleich nur sehr bedingt als Ausgrenzung interpretiert werden. Somit wird auch die dritte Bedingung der Diskriminierung und/oder Gewalttaten nicht erfüllt.

Insgesamt kann also mit den Ergebnissen des GMF-Survey von „Islamophobie“ als Angst im Sinne einer Phobie keineswegs gesprochen werden. Vielmehr handelt es sich um eine Ablehnung ganz bestimmter ideologischer Merkmale oder Verhaltensweisen, die mit dem Islam assoziiert oder auf ihn zurückgeführt werden.

Dass diese ideologischen Tendenzen mit ihren negativen sozialen Auswirkungen wirklich auf den Islam zurück zu führen sind, bestreiten die Vorurteilsforscher vehement. Reden sie von „Islamophobie“ als unbegründeter Angst, behaupten sie stattdessen pauschalisierend, dass eigentlich keine Gefahr vom Islam ausgeht. Eine solch verallgemeinernde Aussage über eine komplexe gesellschaftliche Funktionslogik wie Religion zu treffen, ist jedoch absolut unsachlich. 

Einordnung des Konfliktfeldes

Das Konfliktfeld „Islamophobie“ ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil es die Islamdebatte selbst betrifft. Mit anderen Worten: Es geht darum, wer in welcher Art und Weise über den Islam und die Muslime (öffentlich) Aussagen treffen kann bzw. darf.

Von islamischen Verbänden in Deutschland und vor allem der Organisation of Islamic Cooperation (OIC) wird der Begriff der „Islamophobie“ verwendet, um jegliche Kritik am Islam und an Muslimen im Keim zu ersticken. Um die Deutungshoheit über den Islam zu erlangen wird einerseits argumentiert, dass nur theologische Argumente (von muslimischen Gelehrten) zulässig seien. Andererseits wird versucht, Religionsfreiheit juristisch über die Meinungs- und Pressefreiheit zu stellen, um z.B. Äußerungen, die als Schmähungen des Islams bzw. des Propheten Mohammed betrachtet werden, unter Strafe zu stellen.

Auf Seite der deutschen Behörden hat man sich mittlerweile weitestgehend vom Begriff „Islamophobie“ abgewendet, da der Staat die Kritik einer Religion oder Ideologie nicht sanktionieren darf, selbst wenn sie unbegründet wäre. Stattdessen verwendet das Bundesministerium des Inneren (BMI) in Folge einer Arbeitsgruppe bei der Deutschen Islamkonferenz (DIK) nun den Begriff der „Muslimfeindlichkeit“, der den Vorzug habe, „von vornherein klar zu stellen, dass es nicht etwa um Ressentiments gegenüber einer Religion geht, sondern um eine feindselige Haltung gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen.“ 8

Problematisch bleiben auch an diesem Begriff mindestens zwei Dinge: Zum einen zeigen sämtliche Studien und Umfragen, dass die Deutschen eben nicht die Muslime ablehnen, sondern den Islam als Ideologie (siehe unten). Zum anderen begründet die DIK-Arbeitsgruppe ihre Ausführungen mit einer nur wahrgenommenen, nicht aber in Studien ermittelten Ablehnung der Muslime: „Menschen in Deutschland fühlen sich bisweilen aufgrund ihrer (tatsächlichen oder manchmal auch bloß zugeschriebenen) Religionszugehörigkeit zum Islam von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt.“ 9

Konkrete Umfragen-Ergebnisse

  • Dokumentation einzelner Ergebnisse zum Thema „Islamophobie“ des GMF-Surveys mit Aussagen zu Überfremdungs- und Bedrohungsgefühlen, Abwertung, Vereinbarkeit von Islam und Westen etc.
  • Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse hinsichtlich des Islams des GFE-Europe (Group-Focused Enmity in Europe). Diese Querschnittsstudie erweiterte das GMF-Survey gewissermaßen auf acht europäische Länder, um so einen internationalen Vergleich durchführen zu können.

Lektüreempfehlungen

Notes:

  1. Im Griechischen bezeichnet φόβος Angst, während das der Islamophobie zugrundeliegende φοβία Phobie, also eine unbegründete und dauerhafte Angst vor etwas oder jemanden bedeutet.
  2. Insbesondere im angelsächsischen Sprachraum, wo der Begriff »Islamophobia« seine ersten Definitionen fand, ist mit Xenophobia schon sehr lange ein zusammengesetztes Substantiv etabliert, das sich auf Angst und daraus resultierende Ablehnung oder Hass bezieht. Im Deutschen wird der Begriff der Phobie hingegen eher mit einer übersteigerten Angst, wie etwa der Spinnenphobie assoziiert.
  3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2010): International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10), F40 (Psychische und Verhaltensstörungen). Köln. Online verfügbar unter http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl/fr-icd.htm?gf40.htm, zuletzt geprüft am 01.05.2010.
  4. Eine islamophobe Einstellung läge vor, wenn jemand folgendes bestätige: Der Islam sei 1) monolithisch, 2) weder von anderen Kulturen beeinflusst noch habe er Einfluss auf andere, 3) im Gegensatz zum Westen barbarisch, irrational und sexistisch, 4) aggressiv und terroristisch oder 5) eine politische Ideologie. Ferner sei islamophob wer 6) islamische Kritik am Westen kurzerhand ablehne, 7) Feindschaft gegenüber dem Islam nutzen würde, um Muslime zu diskriminieren und auszuschließen sowie 8) anti-muslimische Feindschaft als natürlich betrachte. The Runnymede Trust (1997): Islamophobia. a challenge for us all. Summary, Online verfügbar unter: http://www.runnymedetrust.org/uploads/publications/pdfs/islamophobia.pdf, abgerufen am 13.04.2010.
  5. Etwa der Europarat und das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC), vgl. European Youth Centre Budapest (2004): Islamophobia and its consequences on Young People. Online verfügbar unter: http://www.eycb.coe.int/eycbwwwroot/HRE/eng/documents/Islamophobia%20report/Islamophobia%20final%20ENG.pdf, (13.04.2010).
  6. „Islamophobie“, im letzten Jahrgang in „Islamfeindschaft“ umbenannt, wird dort als Teil eines Syndroms zusammen mit anderen Arten der Abwertung erfasst, insbesondere Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Etabliertenvorrechten und Sexismus. Die Erhebung fand in jährlichen Telefonumfragen bei einer für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Stichprobe von rund 2.000 Personen statt. Im Wesentlichen wurden den Befragten Aussagen präsentiert, zu denen sie auf einer vierstufigen Skala ihre Zustimmung bzw. Ablehnung äußern konnten. Vgl.: Heitmeyer, Wilhelm (2003): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und empirische Ergebnisse aus 2002 sowie 2003. In: ebd. (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 13-30.
  7. Eine ausführliche Diskussion der Ergebnisse findet sich in: Felix Strüning (2012): Kampfbegriff Islamophobie. Ein Überblick zu deutschen Umfragen. Diskussions-Papier der Stresemann Stiftung, 20 Seiten. Online verfügbar unter: http://www.stresemann-stiftung.de/islamophobie, zuletzt geprüft am 05.03.2013.
  8. Deutsche Islam Konferenz (DIK) (2011): Zwischenbericht über die Arbeit der Arbeitsgruppe „Präventionsarbeit mit Jugendlichen“, S. 4, online verfügbar unter: http://www.deutsche-islam-konferenz.de/SharedDocs/Anlagen/DIK/DE/Downloads/Sonstiges/Zwischenbericht%20AG%20Praevention-2011.pdf?__blob=publicationFile , zuletzt geprüft am 05.03.2013.
  9. Ebd. S. 2.